Africachild Village:
Ein aktueller Situationsbericht
DIANI/AUGSBURG – Am 4. August stimmt Kenia über eine neue Verfassung ab. Kirche und Konservative, vor allem aus dem Ausland, lehnen den Entwurf ab, unter anderem weil eine Passage zur Gesundheitspolitik „unbegrenzte Abtreibungen aus jeglichen Gründen" ermögliche. Der Protest ist eine Farce, denn in weiten Teilen Kenias fragt und kontrolliert niemand, ob und wann Abtreibungen erlaubt sind oder nicht. Mütter treiben ab, verstoßen oder töten ihre Babys, weil sie arm, alleine und verzweifelt sind. Während die Mächtigen debattieren, hat der Augsburger Verein Africachild ein Projekt gestartet, das den Schrecken verhindern soll.
Aus Kenia berichtet Claus Liesegang
Aus dem Dorf Biga führt ein Feldweg zur Hauptstraße, an der an Kenias Ostküste die schönen Strandhotels von Diani-Beach liegen. Jetzt, in der Regenzeit, kann man den Weg beinahe besser mit dem Kanu befahren als mit dem Auto oder Fahrrad. Etwa zwei Kilometer trennen das Leben in bitterer Armut von dem in Luxus. Von dem Feldweg zweigen Trampelpfade ab, die zu den Hütten der Dorfbewohner führen oder diese miteinander verbinden. Die wenigsten Behausungen sind aus Stein. Meistens haben die Frauen und Mädchen die Unterkünfte aus Ästen und Lehm oder Dung gebaut und ein Makutidach aus Palmwedeln daraufgesetzt. Denn Hausbau ist in Kenias Hinterland meist Frauensache. Strom gibt es in keinem der Häuser, Wasser nur am Brunnen, der für manche mehrere Kilometer entfernt ist. Auch Wasserholen ist meist Frauensache. Sie tragen Kanister mit 20 Litern auf ihren Köpfen nach Hause.
Trotz der Entbehrungen scheint Biga mit seinen etwa 500 Einwohnern ein fröhliches Dorf zu sein. Überall palavern die Menschen, grüßen freundlich, es wuselt vor Kindern, einige kicken mit einem aus alten Plastiktüten zusammengebundenen Ball. Doch in Wahrheit ist Biga ein ziemlich trauriges Dorf. Denn es ist ein Dorf der toten Kinder. 2008 waren in Biga nach Recherchen von Africachild 18 Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren schwanger. Aber nur vier Kinder kamen zur Welt. 14 wurden abgetrieben oder verschwanden nach der heimlichen Geburt. Ihre Mütter setzten die Säuglinge aus oder brachten sie um.
Biga ist kein Einzelfall. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums treiben jährlich etwa 300000 Mädchen und Frauen in Kenia ab. Laut einem zwischen Juni 2009 und Februar 2010 zusammengestellten Bericht des Centre for Reproductive Rights sterben davon mehr als 2600 Frauen an den Folgen unprofessioneller Eingriffe, 21000 kommen wegen Komplikationen in öffentliche Krankenhäuser. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält diese Zahlen für stark untertrieben, weil die Dunkelziffer hoch sei. Aus demselben Grund gibt es auch weder über Kindstötungen noch über die Zahl ausgesetzter Babys belastbaren Zahlen. Die Anzahl aller verstoßener Kinder in Kenia wird aber auf zwischen 250000 und 300000 pro Jahr geschätzt.
Die Tragödie der vielen getöteten Kinder in Biga bestätigt Ali Salim Mwabata. Er ist der area councillor, eine Art Bürgermeister mehrerer Dörfer der Stadt Ukunda nahe Diani. Biga gehört in seine Zuständigkeit. „Ich habe hier Dinge gesehen, die machen dich sehr, sehr traurig“. Dann erzählt er, wie er vor ein paar Monaten eine Babyleiche fand, als er im Rahmen seiner Arbeit bei Menschen war, die ihren Lebensunterhalt täglich aus einer Müllhalde graben. Polizeilich verfolgt würden solche Fälle kaum, und auf die Frage, ob sich nicht Staat und Regierung der Tragödien annähmen, winkt der Bürgermeister frustriert ab. Von dieser Seite hätten weder seine Müllmenschen noch die jungen Mütter Hilfe zu erwarten.
Helfen können sich die Menschen bislang nur selbst. Helena Wakio hat in Biga acht Kinder zur Welt gebracht. Die 48-Jährige bekam das erste mit 15, als sie gerade auf die weiterführende Schule wechseln wollte, doch ihr Vater beschloss, Bildung sei nicht so wichtig. Danach verließ die Frau das Dorf kaum, bis sie bei Africachild Arbeit fand. Helena Wakio kennt Mädchen, die ihre Kinder getötet haben, aber sie schafft es nicht, eines von ihnen zu überreden, sein Schicksal zu erzählen. Sie sagt: „Auch wenn es ständig passiert, Abtreibung ist Töten, ist Kriminalität, deshalb wird nicht darüber gesprochen. Abtreibung ist eine Familienangelegenheit.“
Die Gründe, Kinder, egal ob vor oder nach der Geburt, zu töten, sind immer dieselben: Die Familien sind zu arm, um noch ein Maul durchzufüttern. Die Mädchen müssten Ausbildung oder Schule abbrechen, ohne die ihnen ein Leben in Armut garantiert ist. Die Eltern lehnen das Kind ab und verstoßen die Tochter, weil sich der Liebhaber Vater nach dem Sex aus dem Staub gemacht, weil sie vergewaltigt wurde oder sich prostituiert hat, um die paar Schillinge zu verdienen, die ihr und der Familie den Hunger ersparen. Käuflichen Sex gibt es im Busch ab 200 Schillingen, das ist weniger als zwei Euro, reicht aber für eine Mahlzeit für Kinder, Eltern und Geschwister. Meist ist es ungeschützter Sex, denn Kondome sind vielen Mädchen noch unbekannt, oder es ist ein Tabu sie zu benutzen, obwohl sie bei Ärzten und in Krankenhäusern gratis zu erhalten sind.
Auch Helenas Wakios Tochter Faith überlegte mit 17 ob sie abtreiben soll. Sie hatte die Primary School hinter sich und die Erlaubnis, die Secondary School zu besuchen, ein Privileg, das davon abhängt, ob die Eltern das Schulgeld von gut 200 Euro im Jahr bezahlen können, denn nur die Primary School ist in Kenia gratis. Faith entschied sich gegen die Schule und für das Kind, weil ihr ihre Mutter Unterstützung zusicherte. Das Centre for the Study of Adolescence in Nairobi schätzt, dass in Kenia jedes Jahr etwa 13000 Mädchen die Schule verlassen, weil sie schwanger sind.
Mwanasiti Rashid geht es ähnlich wie Faith. Die 21-Jährige ist schon zum zweiten Mal Mutter. Mariamu, das zweite Kind, ist zwei Jahre alt. Die Großmutter kümmert sich tagsüber darum, während die junge Mutter als Bedienung jobbt. Für 400 Schillinge, knapp vier Euro, die Woche. Wo ist ihr erstes Kind? „Gestorben“, sagt sie knapp. Wie? Schweigen.
Damit Babys nicht mehr sterben müssen, hat Raimund Marz das Projekt „Ein Dorf für junge Mütter“ begonnen. Marz ist der Geschäftsführer der Vereine Africachild und „Eltern für Afrika“, einer Augsburger Adoptionsvermittlung. Bei seiner Arbeit in Kenia hat auch Marz einmal die Knochen verscharrter Babyleichen gesehen – und er beschloss, etwas gegen diese sinnlosen Tode zu tun. Zusammen mit den örtlichen Behörden des zuständigen Distrikts Kwale, dem Kenyan Christian Children Home und der Sozialarbeiter-Schule in Nairobi entwarf er das Projekt „A Village for Young Mothers“. So entsteht seit ein paar Wochen am Rande des Buschs und unweit der schönen Hotels und Cottages ein umzäuntes Buschdorf nur für Schwangere und junge Mütter. Abgeschirmt und beschützt sollen sie hier ab 2011 die Möglichkeit erhalten, ihre Kinder zur Welt zu bringen, sie aufzuziehen – und vor allem den Mut dazu zu schöpfen.
20 Frauen werden in den einfachen Rundhütten leben. Dazu entstehen ein Wasch- und ein Gemeinschaftshaus sowie eine Buschküche mit offener Feuerstelle. 40 weitere Frauen können mit ihren Kindern in dem Dorf zusätzlich betreut werden, ohne dass sie dort wohnen. Andere Frauen und zwei Sozialarbeiterinnen kümmern sich um die jungen Mütter. Sie zeigen ihnen, wie ein Haushalt zu führen ist oder wie Essen zubereitet wird. Denn viele sind dazu nicht in der Lage. Marz erzählt: „Als Helena als Haushälterin zu Africachild kam, war eine ihrer Aufgaben das Haus zu fegen. Sie konnte das aber nicht. Wie auch? Sie hatte ja bislang in einem Buschhaus mit Sand oder Lehmboden gelebt. Staub und Schmutz kannte sie nicht.“
Die Frauen können in dem Dorf auch eine Ausbildung als Schneiderin oder Frisörin absolvieren, und wer schon Schulbildung mitbringt, kann seine Sprachkenntnisse in Englisch verbessern, um vielleicht eines Tages eine Arbeitsstelle in der Gastronomie oder Hotelerie zu finden. Wer sich im Busch eine eigene Existenz aufbauen möchte, erhält nach Abschluss der Ausbildung einen Kleinkredit über 20000 Schillinge, knapp 200 Euro. Das Wichtigste an dem 60000 Euro teuren Dorf-Projekt ist für Marz aber dies: „In Afrika tragen die Frauen die Last. Deshalb sollen sie Durchsetzungskraft lernen und gegenüber Männern auch mal „Nein“ zu sagen. Unsere Botschaft lautet: Mädels, ihr seid hier in Afrika die Power. Viele Männer taugen nämlich nichts.“ Bürgermeister Mwabata freut sich über die Initiative. Er sagt: „Es ist höchste Zeit für dieses Projekt.“
Für Raimund Marz geht es nun darum, das Dorf bekannt zu machen. Dazu bleibt ihm zunächst nichts als viel Fußarbeit und Mund-zu-Mund-Propaganda. Später hofft er, dass die jungen Mütter selber als Multiplikatoren wirken, damit sich das Dorf-Projekt weiter herumspricht. Auf die kenianischen Medien kann er nicht zählen. Die unterstützen zwar die Kampagnen pro Familienplanung und Schutz vor Aids mit Kondomen und berichten vielleicht auch eines Tages einmal über das Junge-Mütter-Dorf. Aber dort im Busch, wo die jungen Mütter leben, lesen die Menschen weder Zeitung noch empfangen sie Radio, Fernsehen oder Internet. Deshalb geht auch der absurde Streit um die Verfassung an den meisten von ihnen vorbei.

